Fragen über Fragen

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Weil Fragen einen Ort brauchen lautete das Motto unseres Sommerfestes am 6. September 2026. Dr. Annette Jantzen hat das zum Anlass genommen, eine Liebeserklärung an die Karl Rahner Akademie vorzutragen. Auf vielfachen Wunsch bieten wir den Text zum Nachlesen an:


Wie ist es möglich, dass eine Raupe sich in ihrem Kokon selbst verdaut und sich aus den Einzelteilen zu einem komplett neuen Tier zusammensetzt? Wie hat es sich angefühlt, geboren zu werden? Und sind wir ganz alleine im Universum, oder bist du doch da, durchwirkst du die Dunkelwolken des Alls?

Fragen über Fragen. Ich frage mich, wie Sterne in den Dunkelwolken geboren werden, wie es sich wohl anfühlt, im Marianengraben zu Hause zu sein und warum ich mich das frage, wo ich doch weder eine Dunkelwolke noch den Marianengraben je zu sehen bekommen werde, und es ist dort ja auch gar nichts zu sehen außer Dunkelheit, Dunkelheit, die das hellste Licht nicht durchdringt, Dunkelheit, an der mein Verstehen scheitert. Ich frage mich, wie du das aushältst, Gott für uns zu sein, und die Dunkelwolken im Dasein zu halten, und Mikroplastik im Marianengraben zu sehen, und so viele verheerte Leben auf diesem Planeten. Dunkelwolken sind in den Galaxien wohl sowas wie die Löcher im Schweizer Käse, nur größer – eine Dunkelwolke zu durchfliegen, dauert mit Lichtgeschwindigkeit im Durchschnitt 500 Jahre, und sie heißen so, weil es in ihnen zwar nur etwa 2 Staubteilchen in einem Raum gibt, der so groß ist wie ein Wohnzimmer, weil sie dabei aber so groß sind, dass dieser Staub insgesamt so dicht ist, dass kein Licht durchdringt. Ich scheitere völlig an dieser Vorstellung, was kann ich überhaupt wissen? Denn ich bin mir wohl fraglich, aber ich bestehe zweifelsohne aus Molekülen, auch wenn ich noch nie ein Molekül in echt gesehen habe, die ja noch viel kleiner sind als die Staubteilchen in den Dunkelwolken, und die meisten davon sind Wasser, ich bin also ungefähr so etwas wie eine intelligente Gurke, wobei Intelligenz natürlich Definitionssache ist, gäbe es eigentlich Intelligenz ohne Intelligenztests? Ich könnte auch eine Seegurke sein, davon gibt es über 1500 Arten, sie sind Seestachelhäuter wie Seeschlangen und Seesterne, Sterne überall, sogar im Ozean, wo das viele Mikroplastik schwimmt, aber Weltraumschrott haben wir nur in unserem eigenen Orbit abgeladen, quasi unsere eigene Müllkippe im Sonnensystem, keine illegale Müllentsorgung irgendwo im Hinterhof eines anderen Planeten. Wenn es ein Benimm-Ranking im Universum gäbe, wären wir vielleicht ein ziemlicher Schmuddelplanet, und die anderen bewohnten Planeten würden pikiert die Nase rümpfen, wenn sie uns in einer Müllwolke um unsere Sonne kreisen sähen, und das wäre wiederum irgendwie unfair, denn die Erde hat ja niemand gefragt, und die Elefanten und Seegurken und die allermeisten Menschen haben auch gar keinen Weltraum-Schrott einfach im Orbit rumliegen lassen, nicht mal die Sperbergeier, die am höchsten von allen Vögeln fliegen können. Vielleicht müssen sich Planeten die Hände waschen, wenn sie homo sapiens hatten, damit sie nicht als Schmuddelplaneten gelten.

Es gibt so viel zu fragen, und manche Fragen kommen zu spät. Wie fühlt es sich an, in einer Sprache zu denken und zu träumen, die sonst niemand mehr auf der Welt spricht? Woran merken wir, dass wir Menschen sind? Und was hätte meine Oma wohl von Breslau erzählt, wenn ich rechtzeitig gefragt hätte? Meinen Opa habe ich auch nicht rechtzeitig gefragt, aber er hat ohnehin nichts erzählt. Ich frage mich, ob Gerechtigkeit und Frieden jemals erreicht werden können oder ob sie nicht vielmehr getarnte Verben sind, immer nur im Entstehen, nie vollendet, und ob du uns überhaupt sehen kannst, kleiner als Amöben im riesigen All, und doch denke ich und fühle und frage. Frage mich, wie sich Amöben im Wasser zurechtfinden, frage mich, wie ich mich auf dieser Welt zurechtfinde, frage mich, wie so unfassbar viele Biographien irgendwie doch bei dir geborgen sein können, frage mich, wie gewaltig du bist und ob es eine Grenze gibt, ab der du zu groß bist, um Du zu dir zu sagen, aber du wirst vielleicht sagen, nun sind wir schon beim Du, nun lassen wir es auch dabei, zum Sie überzugehen wäre auch ein bisschen enttäuschend, und ich stelle mir vor, dass du lächelst.

Ich versuche mir vorzustellen, wie tief der Marianengraben ist, und scheitere kläglich, scheitere staunend, und es ist großartig, staunend zu scheitern, zu schauen und zu fragen und sich als winziges Fragment in einem riesigen Universum wiederzufinden, ein fragendes Fragment und doch gibt es da eine Stimme, die „ich“ sagt und dieses Ich ist kein anderes, nie vorher, nie nachher, wie bin ich in die Welt gekommen? Es wäre so viel wahrscheinlicher gewesen, dass es mich nicht gegeben hätte, uns alle, und doch sind wir und fragen, wir, so unbedeutend wie Amöben oder wie ein Staubteilchen in einer Dunkelwolke und doch Ich-Sagende, Fragende, Staunende. Unser Staunen wird vergehen, andere Generationen werden ganz andere Fragen haben, aber manche Fragen überdauern Jahrtausende, warum gibt es uns? Du aber fragst nicht nach dem Warum, und wenn du uns einen Tipp geben würdest, dann wäre es vielleicht der, lieber nach dem Wozu zu fragen, auf dich hin, weil die Zukunft wie alles, dieses unfassbar große Alles deine Zukunft ist.

Ich frage mich, wie dunkel es in einem Menschen sein muss, der keine Zukunft und keinen Weg mehr sieht, keinen als den letzten Weg hinaus aus allem, scheitere kläglich, Trauer ist vielleicht, am Fehlen zu scheitern, denn es wird nie mehr so sein davor, als dieser Mensch noch Teil dieser Welt war, er fehlt und fehlt, wer hätte das gedacht vor 27 Jahren, als wir zusammen in Jerusalem Theologie studiert haben und ich im Sinai zum ersten Mal die Milchstraße gesehen habe. Ich frage mich, was die letzten Menschen gedacht haben, die Feiran verlassen haben, das einmal Bischofsstadt war und von dem heute nur noch ein paar Mauern aus dem Sand der Sinaiwüste herausragen, und wie es wohl wäre, wenn wir noch einmal von vorn anfangen könnten. 

Wir sind so klein, und doch sind unsere Fragen so groß, an den wir kläglich scheitern, staunend scheitern, und für diese Fragen brauchen wir Räume, brauchen wir Menschen, brauchen wir Zeit, um nicht nur Antworten mit uns herumzutragen, Antworten bekommt man an jeder Ecke, eine gute Frage aber ist ein kleiner Schatz, und ich wünsche uns, dass wir Schatzsucherinnen werden statt Fehlerfinderinnen zu sein. 

Was fehlt, wenn wir nicht mehr fragen, was wir tun sollen? Wenn wir nicht mehr fragen, wie aus dem Handel mit Aalen ein Milliardengeschäft werden konnte, ähnlich lukrativ wie der Handel mit Kokain, nur weniger gefährlich für die Beteiligten - außer für den Aal, dabei war der schon auf dieser Welt, als es noch Dinosaurier gab, und niemand hat je gesehen, wie er sich fortpflanzt tief in der Sargassosee, im Bermudadreieck, die ich ebensowenig je sehen werde wie den Marianengraben oder das Innere von Dunkelwolken. Was fehlt, wenn wir nicht mehr fragen, wie wir überhaupt noch miteinander reden können inmitten von Fake News und Lügenpresse-Vorwürfen, über immer größere Gräben hinweg, wo wir uns nicht einmal darüber einigen können, ob wir gerade einen normalen oder einen katastrophalen Sommer erlebt haben? 

Und was fehlt, wenn wir uns nicht mehr gegenseitig fragen, was wir hoffen dürfen? Nach Hoffnung sucht es sich schlecht alleine, zum Hoffen sind wir aufeinander angewiesen, was braucht es, damit wir uns gegenseitig Gründe zur Hoffnung sein können? Wie kommt es, dass Musik uns so das Herz öffnet, was unterscheidet Musik von anderen Geräuschen und werden Wale auch angstfrei, wenn sie singen? Wie schleicht sich Liebe ins Herz, woher kommt der Hass, und wie verständigen sich Fische in ihren Schwärmen auf eine gemeinsame Richtung? Unsere Selbstverständlichkeiten umgeben uns wie das Wasser die Fische, wir sehen sie meistens nicht, und neue Richtungen zu finden ist schwer, auch für neue Richtungen brauchen wir Räume, brauchen wir Menschen, brauchen wir Zeit. Planeten haben, wenn die Konstellationen gerade günstig sind, nur wenige Millionen Jahre Zeit, um zu entstehen, gibt es eigentlich Zeit in einem Schwarzen Loch? Yucca-Motten verpuppen sich bis zu 30 Jahre lang, und dann leben sie nur noch ein paar Tage, nach all der Zeit im Kokon, man sollte denken, sie genießen dann ihre Freiheit, vielleicht heißt Freiheit, in einem Bündel an Möglichkeiten zu explodieren, und wenn ein Stern stirbt und zerfällt, strahlt sein Licht umso heller – wir sind Sternenstaub und du bringst uns zum Leuchten, und am hellsten leuchten unsere Fragen, unsere Fragen, mit den wir scheitern, staunend scheitern, großartig scheitern, scheitern in deinen Horizont hinein, ein Horizont ungezählter Möglichkeiten, der sich hell um uns weitet, bis wir fraglos sind – Amen.

© Annette Jantzen

 

Foto © June Betten

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